Schon als Kind zog es ihn in die Berge: Mit acht Jahren bestieg er heimlich seinen ersten Gipfel. Hans Kammerlander gehört heute zu den bekanntesten Extrembergsteigern der Welt. Er hat 12 der 14 Achttausender ohne Sauerstoff bezwungen. Dabei ging er immer wieder über seine Grenzen. Der leichte Weg ist nichts für ihn, weder am Berg noch im Leben. Im Gespräch begegnet mir ein humorvoller, bodenständiger Mensch. Einer, der über Verlust spricht, ohne bitter zu sein. Einer, der nicht nach dem Warum fragt, sondern nach vorne schaut. Ein persönlicher Rat vom Dalai Lama wurde für ihn zum Lebensmotto: zehnmal am Tag aus tiefster Seele lachen. Vielleicht ist genau das sein Geheimnis.

Herr Kammerlander, ich habe gelesen, dass Sie als Kind einfach einem Touristenpaar gefolgt sind und so Ihren ersten Dreitausender bestiegen haben. Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert und war das für Sie der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft?
Ja, das war der erste Schritt, der mich sofort fasziniert hat – und der Beginn einer großen Leidenschaft. Damals wusste ich noch nicht, wohin mich das einmal führen würde. Meine Mutter ist früh gestorben, und mein Vater hat es nicht gewusst. Früher waren die Eltern einfach anders. Heute macht mir diese Entwicklung wenig Freude. Wenn ich zwischen Nepal, wo ich Schulprojekte habe, und Südtirol hin- und herkomme, sehe ich große Unterschiede. Viele Kinder haben kaum noch Raum, eigene Erfahrungen zu machen. Stattdessen oft das iPad in der Hand. Das ist für mich traurig, zu beobachten.
Sie machten dann Ihre Leidenschaft zum Beruf. Wie schwierig war dieser Weg und wie haben Sie das alles finanziert?
Der Weg war in jungen Jahren natürlich sehr schwer. Ich habe als Maurer auf der Baustelle gearbeitet und jeden Cent in Eispickel, Klettergurt und Ausrüstung investiert. Gleichzeitig wusste ich: Das ist nicht meine Zukunft. Ich wollte Bergführer werden. Das ist mir dann gelungen. Als junger Bergführer durfte ich den Sommer in der Alpinschule von Reinhold Messner, meinem großen Idol, arbeiten. Dort hat er gemerkt, dass ich gut bin, und mich eingeladen, mit ihm auf große Touren zu gehen.
Also ist über diese Alpinschule die Freundschaft zu Messner entstanden?
Ja, dort hat er gemerkt, dass ich ein möglicher Partner sein könnte. Er war für mich Lehrmeister und Mentor. Ich habe sehr viel von ihm gelernt und war viele Jahre an seiner Seite. Irgendwann bin ich dann meinen eigenen Weg gegangen. Die Erfahrungen mit ihm haben mir dabei sehr geholfen.
Wie läuft ein Aufstieg realistisch ab? Pausen, essen, schlafen?
Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Mich hat der Berg fasziniert, und plötzlich hatte ich Ziele. Wie ein Aufstieg abläuft, ist immer unterschiedlich. Manchmal haben wir gegessen, manchmal nicht. Schablonenmäßig kannst du am Berg keine Karriere machen. Wir sind losgegangen, hatten ein klares Ziel und waren darauf fixiert. Wir waren extrem flexibel, haben uns immer an die Situation am Berg angepasst, und darum haben wir auch die Grenzen gesprengt. Systemlos – motiviert nach vorne.
Wie schwer ist das Gepäck einschließlich der Skier ungefähr?
Das glaubt mir keiner: Bei der Besteigung des Mount Everest hatte ich nur fünf Kilo im Rucksack – inklusive Skier. Auch heute sage ich den Leuten, wenn sie mit mir wandern: Nehmt eine Wasserflasche mit, das ist wichtig. Aber ihr braucht nicht zehn Brote. Weniger ist oft mehr. Ich empfehle immer einen kleinen Rucksack, nur das Nötigste. Ich halte nichts von doppelten Handschuhen und übertriebenem Sicherheitsbedenken. Ich bin leidenschaftlicher Bergführer, und es freut mich besonders, wenn am Ende des Tages die Augen meiner Gäste glänzen. Wenn sie mich dann glücklich anstrahlen, bin auch ich zufrieden.
Ich bin eine Person, die sich trotz Navi regelmäßig verfährt. Wie orientieren Sie sich am Berg?
Ich lese den Berg und verlasse mich niemals auf die künstliche Intelligenz. Im Auto fahre ich inzwischen auch mit Navi. Am Berg verlasse ich mich auf mich und auf das, was ich sehe – und auf meine Erfahrung.
Gibt es Wegweiser?
Wenn man den Everest besteigt selbstverständlich nicht. Schilder gibt’s auf Wanderwegen 😊
Wie sieht es mit dem Wetter und den Vorhersagen aus?
Meine Augen sind am Himmel und auf die Wolken gerichtet. Ich sehe die Entwicklung des Wetters oft schon, bevor sie in der Wetter-App steht. Früher gab es ohnehin keine verlässlichen Vorhersagen über eine Woche. Für die Besteigung eines hohen Berges rechnet man aber meist genau mit diesem Zeitraum. Da musste man am Berg schon mal jonglieren und immer wieder neu entscheiden. Heute ist vieles leichter geworden.
Sie haben sich bewusst immer für den schweren Weg entschieden: 1996 bestiegen Sie allein und ohne Sauerstoff den Mount Everest und fuhren anschließend mit den Skiern ab? Ist das nicht doppeltes Risiko?
Das ist eine echte Pioniergeschichte geworden – bis heute nicht wiederholt. Normalerweise braucht man etwa sechs Tage für die Besteigung des Everest. Ich bin um 17 Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, aufgebrochen und war keine 24 Stunden später wieder am Fuß des Berges. Ohne Sauerstoff, ohne Sicherheitsnetz. Wenn Leute heute höchstes Abenteuer ohne Risiko suchen, dann können sie das so machen. Aber das ist nicht mein Weg gewesen. Wir haben den Wettlauf angenommen und uns immer am Limit bewegt. Inzwischen bin ich ganz gemütlich geworden.
Was ist das größere Risiko, der Aufstieg oder die Abfahrt?
Die Abfahrt. Man ist sehr müde und es sind auch sehr steile Hänge, die Reaktion ist nicht mehr so gut.
Wann sind Sie am glücklichsten? Wenn Sie oben angekommen sind oder wenn sie mit den Skiern runterfahren?
Am glücklichsten bin ich, wenn alles vorbei ist. Ich brauche kein Schulterklopfen, das interessiert mich nicht. Aber wir haben schöne sportliche Geschichten erlebt. Darauf bin ich schon stolz.
Wie muss man sich eine mehrere Stunden dauernde Skiabfahrt von einem Achttausender vorstellen? Fahren, stoppen und spontan entscheiden?
Beim Abfahren werden die Beine und vor allem die Oberschenkel schnell müde. Alle 50 Meter muss man kurz stehen bleiben, durchatmen und neu entscheiden.
Und das kann man an so einem steilen Hang?
Ja, das muss man sogar. Wenn man nicht anhalten kann, wird man es nicht überleben. Man muss immer wieder stoppen, durchatmen und schauen, was vor einem liegt. Es ist auch nicht von oben bis unten gleich steil. Es gibt Abschnitte, in denen man kurz entspannen kann – und andere, in denen ein einziger Fehler das Leben kostet.
Aber immer volles Risiko, gell?
Ich sage es ganz offen: Du denkst positiv, gehst vorwärts, und irgendwann knallt es. Dann bekommst du einen Dämpfer. Von meinen starken Partnern und Freunden, mit denen ich auf den Achttausendern unterwegs war, leben heute nur noch vier. Wir waren immer an der Grenze unterwegs. Nur so konnten wir den Top-Alpinismus weiterentwickeln. Rückblickend würde ich das aber nicht mehr so machen. Der Preis war viel zu hoch.
Und letztendlich haben Sie immer viel Glück gehabt?
Sowieso. Oft sind die Steine und die Lawinen ganz nah an mir vorbeigeflogen.
Eine Frage, die selten gestellt wird: Wie geht man in extremer Höhe oder in steilem Gelände mit ganz grundlegenden Bedürfnissen wie dem Toilettengang um?
Die Antwort ist einfach: Hose runter. Da gibt es kein Bad, wo man stundenlang sitzt und E-Mails liest. Bei 35 Grad minus muss alles ganz schnell gehen.
Ab 8000 Metern beginnt die Todeszone – wie fühlt sich Atmen dort oben wirklich an?
Langsam, langsam, langsam! Jeder Schritt wird zur Herausforderung. Die nächsten 10 Schritte sind das Ziel. Man muss sich das so vorstellen, als würde man durch einen Strohhalm atmen. Das ist Alpinismus auf höchstem Niveau.

Wie haben Sie sich psychisch und körperlich auf die großen Aufstiege vorbereitet?
Laufen, laufen, laufen. Und niemals nach einem Lehrbuch. Wenn ich danach gegangen wäre, wäre ich mit Sicherheit nie in ein Basislager gekommen, geschweige denn zur ersten Skiabfahrt vom Everest. Viele Empfehlungen sind sehr theoretisch. Laut Lehrbuch soll man schwere Rucksäcke tragen und viele Reserven einplanen. Aber genau dadurch wird man müde.
Am Manaslu (Nepal) haben Sie zwei Freunde verloren. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ja, eine schreckliche Tragödie. Innerhalb weniger Stunden habe ich zwei Bergführer-Kollegen verloren, absolute Vollprofis und enge Freunde. Es war ein Inferno mit starkem Wind, dann kam das Gewitter. Kein Handy, kein Satellitentelefon. Wir waren der Situation völlig ausgeliefert, mitten in der Hölle. Fehler haben wir keine gemacht. Aber am Berg bleibt immer ein Restrisiko. Solche Erlebnisse gehen tief unter die Haut und verändern einen.
Sie haben überlebt. Aber wie überlebt man so etwas psychisch?
Das ist schwer. Nach der Tragödie wollte ich eigentlich nie mehr auf einen Berg gehen. Aber ich hatte meinem Patenkind versprochen, mit ihm eine schöne Tour zu machen. Das wurde dann meine erste Bergtour danach. Und es hat mir gutgetan. Man muss nach vorne gehen. Wenn du den Kopf in den Sand steckst, kannst du es nicht überwinden. Stell dir nicht die Frage nach dem Warum, darauf gibt es keine Antwort. Ich sehe oft, wie Menschen schon mit kleinen Problemen hadern. Dabei ist es wichtig, das Gute in Erinnerung zu behalten und weiterzugehen.
Gibt es in einem Extremsport-Leben Platz für Familie und Freunde?
Schwer. Ich habe nie ein konventionelles Leben geführt, und das ist nicht unbedingt weiterzuempfehlen. Der Berg hatte für mich immer oberste Priorität.
Waren Sie dann schon einmal verheiratet?
Ja, ich war einmal verheiratet. Eine Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben. An einem Samstagmorgen bei einer Tasse Kaffee erzählte meine Frau, dass sie am Vortag in der Zeitung gelesen hatte, dass ich wieder auf einen Achttausender gehe. So extrem war ich unterwegs, sonst hätte ich dieses Niveau nie halten können. Ich musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Ein Skirennläufer fragt auch nicht erst seine Frau, ob er starten darf, und beim Alpinisten ist es genauso.
Welchen Tipp haben Sie für angehende Alpinisten?
Ich habe nur einen Tipp: Schaut nicht zu viel auf das Handy. Viele haben heute die ganzen Wander-Apps, Lawinen-Apps und Routenplaner dabei. Das kann eine kleine Hilfe sein, aber wer sich völlig darauf verlässt, lebt gefährlich. Wer wirklich lernen will, muss selbst Erfahrungen machen und auf sich achten.
Hat ein solch furchtloser Mensch überhaupt Ängste?
Die größte Angst der Südtiroler Bergführer ist, wenn wir unserer Frau sagen, wir seien um acht Uhr abends zum Abendessen da. Dann treffen wir unterwegs gute Leute und kommen erst um vier Uhr morgens nach Hause. Aber Spaß beiseite, mir ist Lachen sehr wichtig. Ich habe den Dalai Lama ein paar Mal getroffen, zweimal sogar zum Mittagessen. Er hat mir geraten, zehnmal am Tag tief und von Herzen zu lachen. Das hält gesund und ist eine Einstellung, die ich für mein Leben übernommen habe.
Zum Abschluss eine ungewöhnliche Frage: Wie sehen Ihre Zehen aus?
Wunderbar, obwohl sie auch schon einmal schwarz waren: erfroren. Aber das ist wieder geheilt und sie haben sich komplett erholt. Nein, im Ernst: Mein Körper ist mein größter Erfolg. Nach über 5000 bestiegenen Bergen als aktiver Skiläufer und Bergläufer habe ich keine Knie-, Rücken- oder Gelenkschmerzen. Und meine Zehen … ich könnte damit glatt auf einer Modenschau mitlaufen.
Vielen Dank für das spannende Interview!
Unser Event-Tipp für alle, die noch tiefer in die faszinierende Bergwelt eintauchen möchten: ErlebnisVortrag – „Bergsüchtig“ mit Hans Kammerlander am 21.10.2026 im TurmQuartier Pforzheim!
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